Steuerkettenlängung – wodurch sie entsteht und welchen Unterschied die VANATEC™ Technologie macht

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Wissenswertes

Steuerkettenlängung – Wie sie entsteht und welchen Unterschied VANATEC™ Steuerketten machen

„Die Steuerkette hat sich gelängt“ – eine der häufigsten Aussagen bei der Diagnose des Steuertriebs. Doch anders als Gummi dehnen sich die einzelnen Kettenglieder nicht einfach aus.

Die tatsächliche Ursache der Kettenlängung liegt im Verschleiß ihrer Gelenkverbindungen: den Bolzen und Hülsen.

In diesem Artikel erklären wir, wie dieser Verschleiß entsteht, welche Faktoren ihn beschleunigen, woran er sich erkennen lässt und wie sich die Verschleißbeständigkeit bereits durch die Konstruktion und Oberflächenbehandlung der Kette verbessern lässt. Als Beispiel dient die Vanadium-Diffusionsbehandlung der Kettenbolzen.

STEUERKETTE

Die Längung einer Steuerkette entsteht durch den aufsummierten Verschleiß zahlreicher Bolzen-Hülsen-Verbindungen – nicht durch eine Verformung des Stahls-
Die Schmierung hat den größten Einfluss auf die Verschleißgeschwindigkeit: Entscheidend sind Ölqualität, Ölwechselintervalle und der Öldruck zur Versorgung des Kettenspanners.
Die Folgen entwickeln sich schleichend: veränderte Steuerzeiten, zunehmende Belastung von Kettenspanner und Führungsschienen bis hin zum Überspringen der Steuerkette im Extremfall.
Die Härte und Gleichmäßigkeit der Bolzenoberfläche bestimmen maßgeblich, wie schnell die Gelenkverbindungen verschleißen. In einem 800-stündigen Vergleichstest betrug die Längung einer Steuerkette mit vanadiumdiffusionsbehandelten Bolzen lediglich 0,136 %. Eine Kette mit konventionell carbonitrierten Bolzen erreichte dagegen 0,269 %.

Die Steuerkette dehnt sich nicht – sie verschleißt an den Gelenkverbindungen

Eine Steuerkette besteht aus zahlreichen Kettengliedern, die über Gelenkverbindungen miteinander verbunden sind. In jeder dieser Verbindungen bewegt sich der Bolzen relativ zur Hülse, wenn das Kettenglied in das Kettenrad ein- und wieder ausläuft. Diese Bewegung erfolgt unter der Zugbelastung der Kette und wiederholt sich bei jedem Umlauf – über die gesamte Lebensdauer hinweg viele Millionen Male.

Dabei entsteht Gleitreibung zwischen der Außenfläche des Bolzens und der Innenfläche der Hülse. Mit der Zeit verschleißen beide Kontaktflächen, wodurch das Spiel innerhalb der Gelenkverbindung zunimmt. Dadurch vergrößert sich geringfügig der Abstand zwischen den Achsen benachbarter Bolzen, die sogenannte Kettenteilung. An einer einzelnen Verbindung beträgt diese Veränderung lediglich wenige Hundertstelmillimeter. Da eine Steuerkette jedoch aus mehreren Dutzend solcher Verbindungen besteht, summiert sich der Verschleiß über die gesamte Kettenlänge.

Ein Rechenbeispiel verdeutlicht den Unterschied: Bei einer 1.000 mm langen Steuerkette entspricht eine Längung von 0,269 % einer zusätzlichen Länge von rund 2,7 mm. Bei 0,136 % sind es hingegen nur etwa 1,4 mm. Der Kettenspanner kann diese Längung bis zu einem gewissen Grad ausgleichen. Sein Verstellbereich ist jedoch begrenzt. Jeder zusätzliche Millimeter beeinflusst die relative Position von Nocken- und Kurbelwelle.

Welche Faktoren beschleunigen den Verschleiß?

Wie schnell die Gelenkverbindungen einer Steuerkette verschleißen, hängt maßgeblich von den Betriebsbedingungen im Motor ab. In der Werkstattpraxis zeigen sich dabei immer wieder dieselben Einflussfaktoren.

 

Motoröl und Öldruck im Schmiersystem

Steuerkette, Führungsschienen und Kettenräder werden durch Motoröl geschmiert. Gleichzeitig ist die Funktion des hydraulischen Kettenspanners vom Öldruck abhängig. Überzogene Ölwechselintervalle, insbesondere bei Longlife-Intervallen, sowie Motoröle, die nicht den Herstellervorgaben entsprechen, können Ablagerungen in den Ölkanälen begünstigen und die Ölversorgung im oberen Motorbereich beeinträchtigen.

Die Folge: Der Kettenspanner reagiert verzögert. Die Steuerkette läuft ungleichmäßig und wechselt zwischen zu geringer und hoher Spannung. Die dabei entstehenden ruckartigen Belastungen beanspruchen die Gelenkverbindungen zusätzlich.

Verunreinigungen im Motoröl

In Motoren mit Direkteinspritzung sowie Abgasrückführung (AGR) und Diesel- bzw. Ottopartikelfiltern (DPF/OPF) können Rußpartikel in das Motoröl gelangen. Diese wirken wie feine Schleifpartikel und zirkulieren im gesamten Schmiersystem. Dadurch beschleunigen sie den Verschleiß gleitender Kontaktflächen – insbesondere an den Bolzen und Hülsen der Steuerkette.

Hohe Belastungen moderner Motoren

Downsizing und Turboaufladung gehören heute zu den etablierten Konzepten im Motorenbau. Sie ermöglichen eine hohe Leistungsdichte, erhöhen jedoch gleichzeitig die spezifischen mechanischen Belastungen. Zugleich kommen zunehmend leichtere und schmalere Steuerketten mit geringerer Kettenteilung zum Einsatz. Die reduzierte Masse ist besonders bei schnellen und dynamischen Drehzahländerungen von Bedeutung.

Hinzu kommen Drehschwingungen der Kurbelwelle sowie häufige Kaltstarts, bei denen sich der erforderliche Öldruck erst aufbauen muss. Auch geregelte Ölpumpen arbeiten teilweise mit niedrigeren Öldrücken als bei älteren Motorengenerationen.

Die Folgen einer Steuerkettenlängung – Schritt für Schritt

  • • Verschleiß an Bolzen und Hülsen – Das Spiel in den Gelenkverbindungen nimmt zu, wodurch sich die Steuerkette schrittweise längt.
  • Ausgleich durch den Kettenspanner – Der Spannkolben fährt zunehmend weiter aus, bis er sich der Grenze seines Arbeitsbereichs nähert.
  • Veränderung der Steuerzeiten – Die Position der Nockenwellen gegenüber der Kurbelwelle verschiebt sich. Das Motorsteuergerät gleicht diese Abweichung innerhalb seiner Adaptionsgrenzen aus. Werden diese überschritten, können Fehlercodes zur Kurbelwellen-Nockenwellen-Korrelation hinterlegt werden, beispielsweise P0016/P0017.
  • Überlastung von Kettenspanner und Führungsschienen – Durch die zunehmende Längung kann die Steuerkette gegen die Führungsschienen schlagen und Laufgeräusche verursachen. Gleichzeitig steigt der Verschleiß an den Führungsschienen und den Zähnen der Kettenräder.
  • Überspringen der Steuerkette –– Im Extremfall kann die Kette auf dem Kettenrad um einen Zahn überspringen. Bei Motoren, deren Ventile und Kolben sich konstruktionsbedingt denselben Bewegungsraum teilen, kann dies zum Zusammenstoß zwischen Ventilen und Kolben und damit zu schweren Motorschäden führen.

Woran erkennt man eine gelängte Steuerkette?

Typische Symptome im Fahrbetrieb

  • Metallisches Rasseln oder Klappern beim Kaltstart, das nach wenigen Sekunden nachlässt, sobald der Kettenspanner ausreichend Öldruck aufgebaut hat
  • Aufleuchten der Motorkontrollleuchte und unruhiger Motorlauf
  • Metallische Geräusche aus dem Bereich des Steuertriebs, insbesondere bei kaltem Motor oder bei Drehzahländerungen

Diagnose mit einem Diagnosegerät

  • Auslesen von Fehlercodes zur Kurbelwellen-Nockenwellen-Korrelation (z. B. P0016/P0017) sowie von Fehlern der variablen Ventilsteuerung
  • Auswertung der Live-Daten zur Abweichung bzw. Adaption der Nockenwellenposition gegenüber der Kurbelwelle (die zulässigen Grenzwerte gibt der Fahrzeughersteller vor)
  • Überprüfung der Funktion der Nockenwellenversteller, insbesondere hinsichtlich Ansprechverhalten, Verzögerungen und Verstellbereichen

Prüfung der Schmierung

Bevor ein Austausch des Steuertriebs in Betracht gezogen wird, sollte der Öldruck bei kaltem und betriebswarmem Motor sowie bei unterschiedlichen Drehzahlen überprüft werden. Ebenso wichtig sind die Kontrolle des Ölpumpen-Ansaugsiebs und die Prüfung der Ölkanäle auf Ablagerungen und Verunreinigungen. Liegt im oberen Motorbereich ein Problem mit der Ölversorgung vor, wird auch der Kettenspanner der neuen Steuerkette davon betroffen sein.
  • Deutlich erkennbare Einlaufspuren und Riefen an den Führungsschienen
  • Sichtbar verändertes, zugespitztes Zahnprofil der Kettenräder
  • Spannkolben des Kettenspanners nahezu am Ende seines Arbeitsbereichs
  • Ablagerungen und Ölschlamm unter dem Ventildeckel

Der Kettenbolzen – ein kleines Bauteil mit entscheidendem Einfluss auf die Haltbarkeit

Die Längung einer Steuerkette beginnt an den Gelenkverbindungen. Wie schnell diese verschleißen, hängt maßgeblich von den Oberflächeneigenschaften der Kettenbolzen ab. Entscheidend sind dabei die Härte, Dicke und Gleichmäßigkeit der gehärteten Randschicht sowie deren Verbindung zum Grundwerkstoff. Um diese Eigenschaften gezielt zu verbessern, werden Steuerkettenbolzen thermochemisch behandelt.

Auf dem Markt kommen verschiedene Verfahren zum Einsatz:

Behandlungsverfahren Funktionsweise
Konventionelles Carbonitrieren

Anreicherung der Stahloberfläche mit Kohlenstoff und Stickstoff und anschließendes Härten. Das am weitesten verbreitete Verfahren.

Optimiertes Carbonitrieren

Weiterentwickelte Variante des Carbonitrierens mit angepassten Prozessparametern, die eine dichtere Gefügestruktur der Randschicht ermöglicht.

Diffusionsverchromen (Cr)

Chrom diffundiert in die Bolzenoberfläche und bildet eine Chromcarbidschicht auf einem angelassenen martensitischen Kerngefüge.

Chrom-Vanadium-Diffusion (Cr-V) Chrom diffundiert in die Bolzenoberfläche und bildet eine Chromcarbidschicht auf einem angelassenen martensitischen Kerngefüge.
Vanadium-Diffusionsbehandlung (V)

Vanadium diffundiert in die Bolzenoberfläche und bildet eine besonders harte Vanadiumcarbidschicht auf einem angelassenen martensitischen Kerngefüge.

 

Eine Diffusionsschicht ist keine Beschichtung

Bei Diffusionsverfahren dringt das Legierungselement – beispielsweise Chrom oder Vanadium – in die Stahloberfläche ein und verbindet sich dort mit dem enthaltenen Kohlenstoff zu besonders harten Carbiden.

Anders als bei einer herkömmlichen Beschichtung wird die Schutzschicht nicht nachträglich auf den Bolzen aufgetragen, sondern entsteht direkt im Werkstoff selbst. Dadurch bildet sich keine klassische Grenzfläche zwischen einer aufgetragenen Beschichtung und dem Grundmaterial, an der sich die Schicht unter Belastung ablösen oder abplatzen könnte.

Wissenswertes zur Technologie

VANATEC™ – Vanadium-Diffusionsbehandlung der Kettenbolzen

VANATEC™ steht für den technischen Qualitätsstandard von HEPU® bei Steuerketten, der auf der Vanadium-Diffusionsbehandlung der Kettenbolzen basiert. Das Vanadium-Diffusionsverfahren selbst ist weder eine neue Erfindung noch ein patentiertes Verfahren. VANATEC™ definiert vielmehr konkrete technische Anforderungen, die eine Steuerkette erfüllen muss, und vereint diese zu einem einheitlichen, überprüfbaren Qualitätsstandard.

So funktioniert das Verfahren

  1. Vorbereitung – Prüfung und Reinigung der Kettenbolzen mit anschließendem Vorwärmen.
  2. Vanadium-Diffusion im Salzbad – Die Bolzen werden bei Temperaturen von 900–970 °C in ein Bad aus geschmolzenen Neutralsalzen mit zugesetzten Vanadiumverbindungen eingetaucht.
  3. Vakuumhärtung – Durch die Wärmebehandlung erhält der Bolzenkern die gewünschte Gefügestruktur.
  4. Anlassen – Stabilisierung des Werkstoffgefüges für einen widerstandsfähigen, bruchfesten Bolzenkern.

Warum ein Salzbad?

Vanadiumcarbidschichten lassen sich auch mithilfe von Pulver- oder Gasverfahren erzeugen. Beim Pulververfahren werden die Bauteile in Metallpulver eingebettet und anschließend im Ofen erhitzt. Dieses Verfahren ist aufwendig und birgt das Risiko, dass die Bauteile aneinanderhaften, wodurch eine gleichmäßige Schichtbildung erschwert wird. Das Gasverfahren hingegen erfordert den Einsatz giftiger und korrosiver Gase.

Ein flüssiges Salzbad umschließt dagegen jeden einzelnen Kettenbolzen vollständig. Dadurch entsteht eine gleichmäßige Diffusionsschicht über die gesamte Oberfläche. Genau diese Gleichmäßigkeit ist entscheidend für ein kontrolliertes und möglichst geringes Verschleißverhalten der Gelenkverbindungen.

Schichteigenschaften

Parameter Wert
Dicke der Vanadiumcarbidschicht 0.009–0.012 mm
Oberflächenhärte

bis zu 2.300 HV

Gefügestruktur des Bolzenkerns Angelassener Martensit mit einem geringen Anteil fein verteilter Vanadiumcarbide

 

Ergebnisse im Vergleichstest

In einem Dauerbelastungstest wurden vier unterschiedliche Verfahren zur Behandlung der Kettenbolzen unter identischen Bedingungen verglichen. Der Test lief 800 Stunden ununterbrochen bei 5.500 U/min. Unter realen Betriebsbedingungen entspricht dies einer Fahrleistung von rund 150.000 km.

Behandlungsverfahren Kettenlängung nach 800 Stunden
Vanadium-Diffusionsbehandlung (VANATEC™) 0.136%
Optimiertes Carbonitrieren 0.181%
Diffusionsverchromen 0.198%
Konventionelles Carbonitrieren 0.269%

Die Steuerkette mit vanadiumbehandelten Bolzen zeigte eine rund 50 % geringere Längung als die Kette mit konventionell carbonitrierten Bolzen. Im Test entspricht dies einer etwa doppelt so hohen Verschleißbeständigkeit – dem besten Ergebnis aller untersuchten Verfahren.

 

VANATEC™ Steuerketten wurden außerdem Härteprüfungen, metallografischen Analysen, Rauheitsmessungen und einem Einbautest in einem Serienfahrzeug unterzogen.

Was bedeutet das für die Werkstatt?

Unveränderte Montage

VANATEC™ Steuerketten werden wie bisherige Steuerketten montiert. Montageabläufe und Steuerzeiten bleiben unverändert. Die Sätze passen weiterhin zu den vorgesehenen Fahrzeuganwendungen.

Auch harte Bolzen brauchen Öl

Die Oberflächenbehandlung reduziert den Verschleiß, beseitigt aber nicht dessen Ursachen. Verunreinigungen können den hydraulischen Kettenspanner beeinträchtigen und den Öldruck senken. Auch eine VANATEC™ Steuerkette verschleißt unter solchen Bedingungen schneller.

Das komplette System austauschen

Steuerkette, Kettenspanner, Führungsschienen, Kettenräder und gegebenenfalls Nockenwellenversteller arbeiten mit engen Toleranzen und verschleißen gemeinsam.

Eine neue Kette kann mit verschlissenen Kettenrädern, Führungsschienen oder einem alten Kettenspanner nicht optimal funktionieren – unabhängig von der Härte ihrer Bolzen.

 

Fazit

Die Längung einer Steuerkette entsteht durch Verschleiß an den Gelenkverbindungen, nicht durch eine Dehnung des Stahls. Entscheidend sind zwei Faktoren: die Betriebsbedingungen, insbesondere die Schmierung, sowie die Verschleißbeständigkeit der Kette selbst. Diese lässt sich durch Konstruktion und Oberflächenbehandlung gezielt verbessern. Die Vanadium-Diffusionsbehandlung der Bolzen ist eine Möglichkeit, den Verschleiß deutlich zu reduzieren. In einem 800-stündigen Vergleichstest erzielten VANATEC™ Steuerketten die geringste Längung aller untersuchten Varianten. Der volle Vorteil zeigt sich jedoch erst im Zusammenspiel aus verschleißbeständiger Steuerkette, dem Austausch des kompletten Steuertriebs und einer fachgerechten Ölwartung.

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